Die Unterschleißheimer sind nach Garching gefahren.

Rückwärts betrachtet:
Sonntag, 25. Oktober 2020. 1:00 Uhr im Bürgerhaus Garching. Wir drehen die Uhren zurück. Michael Kavelar klatscht in die Hände. Als musikalischer Leiter und Bandleader der Bands Ruhestö(h)rung und Phondue trommelt er das Lichtblicke-Team zusammen. „Ihr ward großartig! Vielen Dank für vier erfolgreiche Konzerte. Ausverkauft und die Leute sind gekommen. Was wollen wir mehr? Es hat Spaß gemacht! Und jetzt könnt ihr nach Hause gehen“, damit eröffnet Kavelar betretenes Schweigen. Das „danach“ fühlt sich immer seltsam an. Ein leeres Bürgerhaus, blendendes Reinigungslicht, aufgerollte Kabeltrommeln und diesmal keine After-Show-Party.

Nur wenige Stunden zuvor. Samstag, 24. Oktober 2020. 22:30 Uhr – das letzte Konzert geht zu Ende. Die Zugabe. Kavelar haut in die Tasten. Es hält ihn kaum auf seinem Klavierhocker. Üblicherweise übernimmt den Piano-Part immer Kollege Benjamin Straßer, damit der Bandleader die Bühne rocken kann. Aber dieses Jahr war so einiges anders als sonst. „Als Musiker musste ich mich ausklinken. Die neue Situation in der Corona-Krise, der Location-Wechsel – all dies erforderte ein Vielfaches an Koordination und Marketing. Nebenbei proben für die Konzerte wäre nicht drin gewesen“, so Straßer.

Der Plan war aufgegangen. Samstag, 20:50 Uhr – kurz vor Beginn der letzten Vorstellung. In der Mitte des Saals, beste Lage, ist noch ein Tisch verwaist. Straßer begibt sich ins Foyer, um die Gäste in Empfang zu nehmen. Auch um zu prüfen, ob alles klargeht. Garchings Kulturreferent Thomas Gotterbarm hatte den Machern von Lichtblicke einen Vertrauensvorschuss gegeben: „Es muss alles funktionieren. Kultur soll save sein. Safety first in Corona-Zeiten.“

Und dann tauchen plötzlich zwei Damen auf. Keine Karten dabei, ganz spontan. „Schön, dass Sie da sind! Was halten Sie von diesem Tisch hier? Beste Lage.“ Straßer ist zufrieden.

Die Bedienung bringt Cocktails. Man prostet sich zu. Winkt herüber zum Nachbartisch. Bei Titeln wie „Fat bottomed girls“ von Queen wird gewippt, geklatscht, Vereinzelte reißen die Arme in die Höhe. Ein Konzertbesucher springt auf vor Begeisterung, als Kathrin Steiner „Eye of the tiger“ anstimmt. Setzt sich schnell wieder. Kurz: Es herrscht disziplinierte Ausgelassenheit am Platz. Und darauf wurde auch vor Beginn jedes Konzertes über eine eingespielte Tonbandaufnahme hingewiesen - in gewohnt diskret unterhaltsamen Stil. Ernst trifft Humor, wenn die Ansage lautet: Man dürfe wegen Corona nicht mitsingen, aber „schwingen Sie – im Rahmen ihrer anatomischen Möglichkeiten – stattdessen gerne ihren Kopf hin und her.“ Es wird gelacht. Straßer nennt es den „Icebraker“: „Klar, die Situation ist angespannt. Alle wollen sich richtig verhalten und vor allem Kulturveranstaltungen nicht unnötig gefährden.“

Für die Musiker war das eine wahre Herausforderung. Alte Gewohnheiten, das Publikum anzuheizen, mussten abgelegt werden. Gitarrist und Sänger Tobias Kavelar kündigt den nächsten Song an: „The Age of Anxiety“ von Jamie Cullum – hier müsst ihr einfach mitsingen so laut ihr könnt.“ Die Bandkollegen rudern zurück: „Tobi! Das geht doch nicht!“ Der Gitarrist korrigiert: „Ach ja! Stimmt! Ok, ihr klatscht einfach und ihr könnt ganz intensiv mitdenken.“

23. Oktober 2020. 17:30 Uhr – kurz vor dem ersten von vier Konzerten. Kulturreferent Gotterbarm erklärt noch einmal die Luft-Umwälz-Anlage: „Hier wird aller 10 Minuten die gesamte Luft im Saal mit frischer ausgetauscht.“

Selber Tag, 09:00 Uhr. Die Profis von ViViD-Veranstaltungstechnik begutachten die am Vortag installierte Ton- und Lichtanlage. Ein Laster, allein für die Technik, parkt vor dem Bürgerhaus. Erste Musiker treten mit Maske und Coffee to go Becher in Erscheinung. „Wer nicht Rücken hat, trägt die Podeste auf die Bühne.“ Soundcheck und Probedurchlauf stehen kurz bevor.

Selber Tag, 4:37 Uhr. Trompeter und Hobby-Filmer Matthias Riedel vermeldet per Handy: „Die Videos sind soweit fertig.“ Einige Nächte hat er damit verbracht, die Videofilme zu den Spendenzielen zusammenzuschneiden. Digital zu Wort kommen die Mitwirkenden der Lebensmitteltische in Unterschleißheim, Oberschleißheim und Garching, der Verein „friends without boarders“ sowie „Ärzte ohne Grenzen“.

22. Oktober 2020. 19:00 Uhr. Handy-Nachricht einer Freundin. Sie hat Karten für Lichtblicke: „Du bist doch pressetechnisch involviert. Sag mal, finden die Konzerte statt?“ Antwort: „Ich gebe dir Bescheid, falls sie nicht stattfinden. Aktuell gibt es keine Absage.“ Freundin: „Ich hoffe, du meldest dich nicht. Ich hab mir extra ein neues Kleid gekauft.“

Die Konzerte wurden aufgezeichnet. Für alle, die nicht dabei sein konnten oder es sich noch einmal ansehen wollen, gibt es am 7. November 2020 um 20:15 Uhr einen Stream auf YouTube.

Die Veranstalter „Lichtblicke - Hoffnung für Menschen in Not“ und „Forum Unterschleißheim“ bedanken sich für das Spendenergebnis von 5.154,84 Euro.

Wer die Projekte unterstützen möchte, kann dies per Überweisung tun an IBAN: DE65 7025 0150 0010 3839 90.

Sophie Kompe


Foto: Daniel Hellmich